“Neue Lernwelten – wir stehen vor einer Revolution” – 7 Fragen an Joachim Sucker, VHS Hamburg

Ein E-Learning-Begeisterter und Lernwelten-Gestalter, ein aktiver Social-Networker und der Organisator des ersten großen MOOCs der Volkshochschulen: Joachim Sucker stellt viel auf die Beine und hat viel zu erzählen – Grund genug, dass wir ihm mal 7 Fragen stellen, um mehr zu erfahren.

 

  1. Herr Sucker, zum Einstieg ein kurzer „Elevator-Pitch“: Was genau ist Ihr Job bei der VHS?

Ich bin Marketingleiter der Hamburger Volkshochschule und habe das Glück, dass meine Geschäftsführung mir auch Zeit für Projektarbeiten zum Thema erweiterte Lernwelten einräumt. Marketing und erweiterte Lernwelten im Sinne der digitalen Bildung haben eine große Schnittmenge. Social Media ist da nur ein Beispiel.

Der E-Learning-Begeisterte und -Macher Joachim Sucker (Copyright: J. Sucker)

Der E-Learning-Begeisterte und -Macher Joachim Sucker (Copyright: Anna Tränkner)


 

  1. Sie haben einen spannenden Lebenslauf: Sie sind Im- und Exportkaufmann, Sozialpädagoge, haben mal ein Theaterzentrum geleitet und waren bei der VHS auch schon Kulturpädagoge. Wie kommt es, dass Sie jetzt beim Thema Zukunft des Lernens gelandet sind? Oder anders gefragt: Woher kommt Ihre Leidenschaft für neue Lernformen?

Ich bin ein neugieriger Mensch. Nicht so sehr was Technik angeht, sondern eher was unser Miteinander angeht. Mit Spannung verfolge ich die Entwicklung der Digitalisierung und habe verstanden, dass wir an der Schwelle einer Revolution stehen, die sich schleichend zeigt, aber mit riesiger Wucht die Gesellschaft trifft. Ich darf dabei sein, dass ist eine spannende Zeit. Die Technik hat das Denken schon immer bestimmt und so wird es dieses Mal auch sein, bis in den letzten Winkel aller Gesellschaften.

Mein Wissen habe ich außerhalb von formaler Schulbildung erworben. Abitur war in meiner Familie kein Thema. Und so lerne ich und suche nach neuen Lernformen, die es vielen Menschen ermöglichen, am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben. Aber in erster Linie bin ich einfach verdammt neugierig.

 

  1. Sie sind nicht nur ein aktiver Blogger und Twitterer, sondern mit dem ichMOOC auch ein echter Vorreiter und praktischer Voranbringer des Themas Zukunft des Lernens. Worum genau geht es bei dem Projekt und was erwarten Sie sich davon?

Jeder von uns hat mittlerweile eine digitale Identität. Da, wo wir selbst aktiv sind, können wir diese nach unseren Wünschen formen. Dazu benötigen wir Handwerkszeug. In der Schule lernt niemand, wie ein Facebook-Profil aussehen sollte, wenn ich damit eine Community gründen will, oder beruflich ein Profil für die nächste Bewerbung aufbauen möchte. Und es gehört doch langsam zum Grundwissen, dass ich auch über die Grenzen von digitaler Kommunikation Bescheid weiß, oder eine Vorstellung davon habe, was die Maschinen mit meinem digitalen Daten anstellen.

Über dieses Thema einen MOOC zu veranstalten, reizt mich schon lange. Und Schulen und Volkshochschulen sind dafür die richtigen Veranstalter. Wir Volkshochschulen fangen schon mal an.

 

 

 

  1. Noch dazu werden „MOOCbars“ stattfinden. Was genau verbirgt sich dahinter?

Die Stärke von Volkshochschulen ist, ein breites Präsenzangebot vorzuhalten. Dabei ist der Slogan „Bildung für alle“ immer im Fokus. Wir verbinden das Weblernen nun mit Begleitkursen, die in Deutschland, Österreich und Italien an 46 Standorten angeboten werden. Diese MOOCbars – ist uns da nicht eine gute Wortschöpfung gelungen? – werden einerseits eine Möglichkeit von Face-to-Face-Kommunikation ermöglichen, andererseits aber auch einen zentralen Input über eine Videokonferenz bekommen. Auch das ist neu und wir sind sehr gespannt, ob die Themen Sterben im Netz, oder wie Beeinflussung im Netz funktioniert, oder wie wir mit Mobbing und Diskriminierung umgehen können, letztendlich angenommen werden.

 

Beeindruckend - überall hier werden MOOCbars stattfinden

Beeindruckend – überall hier werden MOOCbars stattfinden

 

  1. Die „alte Tante“ VHS würden wohl nur wenige mit E-Learning und so „neuen“, innovativen Konzepten wie MOOCs in Verbindung bringen. Oder täuscht dieser Eindruck und ist die VHS schon viel digitaler als gedacht? Oder wird es zunehmend werden?

Wir befinden uns hier in einer komplizierten Übergangsphase. Wir sind gemeinsam ca. 924 Volkshochschulen in Deutschland, haben ca. 200.000 Kursleitungen und jährlich 9. Mio. Anmeldungen. Wir sind kommunal organisiert. Und nun kommt das Web und sprengt unsere Struktur. Bisher wurden wir richtig durchgeschüttelt, weil doch sehr vieles neu gedacht werden muss.

Einige Volkshochschulen bieten bereits digitale Kursprojekte an.So wie Hamburg und Bremen den MOOC oder andere Webinare oder Online-Ausbildungen. Aber die Phase der Unsicherheit neigt sich dem Ende. Auf vielen Ebenen steht das Thema des digitalen Lernens ganz oben auf der Agenda. Eine Gruppe von Mitarbeitern aus dem gesamten Bundesgebiet hat ein Konzept mit dem Titel „Erweiterte Lernwelten“ geschrieben. Ich durfte dabei sein und bin froh, dass über das Konzept noch dieses Jahr im Deutschen Volkshochschulverband entschieden wird.

Und nächstes Jahr wird unser VHS-Tag in Berlin das Thema „Lernen in der digitalen Gesellschaft“ in den Fokus nehmen. Wir sind auf einem guten Weg und werden diesen auch nicht alleine gehen. Wir werden sicherlich viele Partner für unsere erweiterten Lernwelten gewinnen. Die Türen sind bereits offen, wie wir in der Kooperation mit der Fachhochschule Lübeck im ichMOOC zeigen.

ichMOOC-Überblick

Ein Überblick, worum es beim “ichMOOC” geht

 

  1. Stellen Sie sich vor, Sie wären E-Learning-Verantwortlicher aller Volkshochschulen in Deutschland. Was wären drei konkrete Maßnahmen, die Sie angehen würden?

“E-Learning” greift zu kurz, “Weblernen” trifft es besser: Ich würde erstens eine Service- und Entwicklungsagentur gründen, die drei Schwerpunkte bearbeitet:

  • Programmentwicklung unter Einbeziehung digitaler Lernsettings
  • Aufbau einer technischen Infrastruktur zur Nutzung aller Volkshochschulen und anderer Bildungsträger
  • Aufbau einer gemeinsamen Vertriebsstruktur auch außerhalb kommunaler Grenzen.

Als zweites würde ich ein Entwicklungslabor für alle Neugierigen der Volkshochschulen einschließlich der Kursleitungen gründen, sozusagen einen “Maker Space” fürs Lernen.

Und als drittes einen Finanztopf für die Umsetzung von Leuchtturmprojekten einsetzen.

 

  1. Ein zentrales Element bei MOOCs ist das Bewegtbild, ob live oder aufgezeichnet. Der Lern-Vordenker Josh Bershin sagte „video is the new text“ – für wie bedeutend halten Sie persönlich das Videolearning, jetzt und in Zukunft?

Besser könnte ich es nicht ausdrücken. Wir haben mit der Hamburger Volkshochschule gerade ein entsprechendes Equipment gekauft. Im MOOC arbeiten wir fast ausschließlich mit Bewegtbild. Wir müssen nur aufpassen, dass Bildung nicht allein von der Bandbreite abhängt. Es ist erschreckend, wie schwer Videoinhalte beim Endkonsumenten im Wohnzimmer ablaufen. Ein Daumenkino läuft da flüssiger.

 

 

Mehr über Joachim Sucker …

… und seine vielfältigen Aktivitäten kann man u.a. auf seinem privaten Blog “Alles aus Zucker” und seinem Twitter-Account erfahren.

 

Mehr über den “ichMOOC”, …

… das am 28.05.2015 startet (Teilnahme kostenlos!), gibt es hier zu erfahren.

 

Der allererste VHS-MOOC …

… war allerdings der “vhsMOOC 2013“, wie wir erst nach Veröffentlichung dieses Interviews erfuhren: Er drehte sich um die Themen Weblernen in der Erwachsenenbildung und richtete sich damit v.a. an Mitarbeiter der Volkshochschulen und andere Bildungsarbeiter.

Außerdem gab es im November 2014 einen “VHS-Strick-MOOC“. Dort konnten alle Interessierten Kenntnisse im Stricken und Häkeln erwerben bzw. vertiefen. Die Ergebnisse dieses Fach-MOOCs, an dem sich zahlreiche VHS in ganz Deutschland beteiligten, können in der Mediathek angeschaut werden.

 

 

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