Informelles Lernen: 11 kritische Thesen nach den #OEB15-Sessions von Charles Jennings und Jane Hart

Wenn es um das Thema informelles Lernen geht, kommt man um zwei Namen nicht herum: 70/20/10-Papst“ Charles Jennings und E-Learning-Vordenkerin Jane Hart. Beide hielten eine Session auf der diesjährigen Online Educa Berlin, auf Twitter mit dem Hashtag „#OEB15“ abgekürzt. Grund genug für uns, dabei zu sein und die beiden Experten einmal live zu erleben.

Kurz vorab: Die #OEB15 ist sicher die internationalste Veranstaltung im deutschsprachigen Raum zum Thema Digital Learning, allerdings treffen hier auch die unterschiedlichsten Zielgruppen, Erwartungshaltungen und Vorkenntnisse aufeinander. Und es verlangt relevante Vorbereitungszeit, um sich genau im Vorfeld anzuschauen, welche Veranstaltungen Sinn ergeben und wo man sich rechtzeitig registrieren muss, um nachher nicht vor verschlossenen Türen zu stehen.

#OEB15 überzeugt leider nur halb

Das Resümee von mir (und anderen) war – wohlwollend geschätzt – 50:50. Teilweise interessante Sessions; teilweise aber auch keinerlei Erkenntnisgewinn. Und Formate wie World Café sind zwar nett, aber die Herausforderung, ein substantielles Ergebnis zu erzielen, wenn einander völlig fremde Menschen in verschiedenen Sprachen und mit ganz unterschiedlichen Hintergründen 10 Minuten Zeit haben, eine schwierige Fragestellung zu bearbeiten, war größer.

Überraschend für das informelle Setting war dann allerdings Charles Jennings‘ Trillerpfeife, die er während seiner Session einsetzte. Nach drei Minuten mussten die Gesprächspartner getauscht werden, komme, was da wolle. Das ergab im preußischen Berlin zwar noch Sinn, inhaltlich sprang am Ende aber wenig dabei heraus. Mein Fazit: Wer Charles Jennings und Jane Hart online folgt, ist besser bedient als vor Ort.

Die (E-)Learning-Expertin Jane Hart während ihrer Session auf der OEB15

Die (E-)Learning-Expertin Jane Hart während ihrer Session auf der OEB15

Irgendwie schien das Szenario aber passend: Informelles Lernen, so erweckten Hart und Jennings den Eindruck, ist der Versuch der Quadratur des Kreises: Informelles Lernen soll formalisiert werden.

Nur um Missverständnissen vorzubeugen: informelles lernen ist ein wichtiger Bereich des Lernens – nur meine ich, man muss dem gegenwärtigen Hype um das informelle Lernen und dem oft damit verbundenen “Bashing” des formellen lernens ein paar Gedanken entgegensetzen.

Deshalb formuliere ich hier nun

11 kritische Thesen zum informellen Lernen

1. Informelles Lernen ist nichts Neues.

Nicht erst seit John Dewey, dem die Erkenntnis des „Learning by doing“ zugeschrieben wird, ist das informelle Lernen ein wichtiger Bestandteil des Lernens. „Übung macht den Meister“ ist seit Jahrhunderten notwendige und teilweise institutionalisierte Folge des formalen Lernens („Wanderjahre“ als Voraussetzung der Meisterprüfung). Wenn es in der modernen Arbeitswelt darum geht, informelle Lernprozesse zu fördern, sind Job-Rotation, kommunikative Büroarchitekturen und Fehlerkulturen ebenso wichtige Schlüssel wie Praktika und Training on the Job – und natürlich auch Online-Lernumgebungen, die nach allen Regeln der Usability-Kunst designt sind. Bis auf letzteres sind dies alles mehr oder minder in der Praxis etablierte Formen. In der Diskussion um das informelle Lernen wird jedoch häufig der Eindruck erweckt, einer neuen, ultimativen Lernform zum Durchbruch verhelfen zu müssen.

2. Informelles Lernen darf nicht gegen das formelle Lernen ausgespielt werden.

Wie das „Swiss Center for Innovations in Learning“ (SCIL) in seinem Arbeitsbericht 24 von Januar 2013 sehr gut beschrieben hat, geht es weniger um ein entweder / oder, sondern um ein Kontinuum. Wo das informelle Lernen anfängt und wo es aufhört, ist auch eine Sache der Definition. Wichtig ist es, die jeweiligen Formate miteinander zu verzahnen. Interessant, dass die Studie, die vor dem Hype um das informelle Lernen geschrieben wurde, viel differenzierter mit dem Sachverhalt umgeht, als das heute vielerorts zu beobachten ist.

3. Informelles Lernen setzt zu Unrecht im Schwerpunkt auf die Selbststeuerung der Lernenden.

Die Lernenden, so das Vorurteil, kennen ihren Lernbedarf am besten. Dazu eine praktische Frage: Wer kennt den „Formatpinsel“ von Microsoft Word? Wahrscheinlich doch nur ein kleiner Teil derer, die täglich mit Word hantieren. Vermutlich kostet die Unkenntnis dieses Tools viele tausend Stunden Arbeitszeit allein in Deutschland. Wäre es nicht besser, ein formales Training „Word“ zu durchlaufen und gut aufbereitet die besten „Arbeitserleichterungen“ kennen zu lernen?

4. Informelles Lernen ist nicht identisch mit sozialen Medien.

Jane Hart möchte das informelle Lernen insofern „formalisieren“, als sie Mitarbeiter zur Nutzung von Twitter-Feeds und anderen Sozialen Medien animiert – beziehungsweise das Management auffordert, diese Zeit für die Mitarbeiter frei zu machen. Auch wenn Twitter für die Weiterbildungsszene ein wichtiges Tool ist, um neue Entwicklungen zu verfolgen – für viele andere Berufe gilt das nicht. Und auch das Verfolgen von Branchentrends an sich ist nichts Neues – nur leistet das in der Regel die Fachpresse, online und offline. Mitarbeiter mit entsprechendem Aufgabenzuschnitt haben sich schon immer die Zeit genommen, sich à jour zu halten.

5. Informelles Lernen ist kein Selbstzweck.

Die Human Resources haben die Aufgabe, die Wettbewerbsfähigkeit des Unternehmens sicherzustellen. Dazu müssen die HR in der Aus- und Weiterbildung alle Register ziehen. Informelle Lernprozesse zu ermöglichen, gehört mit dazu, löst das Thema aber nicht allein und ist auf keinen Fall am Wichtigsten, nur weil es (angeblich) einen Anteil von 70% hat.

6. Informelles Lernen darf sich nicht allein auf die Schwarmintelligenz verlassen.

Ein falscher – sprich: fehlerhafter, unvollständiger oder gar gefährlicher – Tipp, schnell durch die unternehmenseigenen Netze vervielfältigt, kann fatale Folgen haben. Unternehmen tun deshalb gut daran, formell gut ausgebildete Leute dazwischen zu schalten. Das gilt für den Großteil aller Berufe – nicht nur für Piloten, Elektriker, Statiker, Ärzte oder Führungskräfte.

 

Charles Jennings, einflussreicher "Erfinder" des 70/20/10-Prinzips, in Aktion auf der OEB15

Charles Jennings, einflussreicher “Erfinder” des 70/20/10-Modells, in Aktion auf der OEB15

 

7. Informelles Lernen ist zu langsam.

Die Selbstaneignung von Wissen in Peer Groups hat zumindest auf der #OEB15 nicht funktioniert: Zu unterschiedlich die Interessen und Voraussetzungen, als dass nach 90 Minuten Erhellendes herausgekommen wäre. Es gab zwar soziologisch interessantes Gerangel um die Pole-Positions – wer darf (sich) präsentieren und welche Frauen haben die schönste Handschrift zum Mitschreiben – aber aufgrund der knappen Zeit wäre eine klassische Wissensvermittlung effektiver gewesen.

8. Informelles Lernen lässt sich nicht messen.

Allen, die sich näher mit dem Konzept des informellen Lernens auseinandersetzen, ist klar, dass die Aufteilung in 70-20-10 nur ein „Framework“ ist und nicht wirklich auf die Prozentzahlen heruntergebrochen werden kann. Zudem basiert die zugrundeliegende Studie lediglich auf Selbstauskünften von 200 Managern. Aber wie soll man „messen“, welche Skills man auf welchem Weg erworben hat? Wie gewichten? Was war der Anstoß für den Lernprozess? Alle Methoden, informelles Lernen zu messen, sind der Versuch, informelles Lernen zu formalisieren. Das hilft niemandem weiter.

9. Informelles Lernen baut auf formalem Lernen auf.

Derzeit zeigen die Erfahrungen in der Arbeit mit Flüchtlingen, dass das allerorten geforderte Deutschlernen am schwersten jenen fällt, die in ihrem Leben bislang keine oder kaum formale Schulbildung genossen haben und ihre Muttersprache nur informell gelernt haben. Gerade das Argument, dass Kinder die Sprache nicht in der Schule lernen, wird oft als Argument für die geforderte Dominanz des informellen Lernens angeführt. Die Erfahrung zeigt: Wer die Sprache nicht auch formell lernt, ist nicht „sprachmächtig“. Das heißt auch: Ohne formelles Lernen ist informelles Lernen auf Sand gebaut.

10. Im Zweifel hilft nur Pauken.

Im Zuge der Diskussion um das informelle Lernen gerät selbst die Didaktik ins Zwielicht: „Wissen kann nicht vermittelt werden“ ist ein Grundsatz des Konstruktivismus. Wenn es aber darum geht, Produktschulungen in der Fläche durchzuführen, User zu Rollouts neuer IT-Infrastrukturen zu schulen oder Führungsprinzipien zu verankern, gibt es zu didaktisch sauber aufgebauten Schulungsmedien keine Alternative. Und dann heißt es: Durcharbeiten und Nachhalten.

11. Informelles Lernen wird unterschätzt.

Das scheint ein Widerspruch zu den vorigen Thesen, ist aber keiner. Wir lernen, seit wir auf der Welt sind, und werden quasi bis zum letzten Atemzug dazulernen. Nicht immer Erfreuliches, aber im wahrsten Wortsinn „Lehrreiches“. Und manchmal mutet es auch komisch an, wenn sich die Generation X „and older“ so vehement für das Informelle Lernen einsetzt. Mit den Informationen der ganzen Welt auf dem Smartphone und der sozialen Vernetzung als Selbstverständlichkeit scheinen die jüngeren Generationen „Y“ und „Z“ das Thema sowieso schon für sich abgehakt bzw. verinnerlicht zu haben. Insofern hat der Managementberater Reinhard Sprenger Recht, wenn er eine „negative Ethik“ fordert: Also weniger das informelle Lernen zu fördern, als vielmehr Dinge sein zu lassen, die das informelle Lernen behindern.

Denn wir lernen immer – man muss uns nur lassen.

 

Nicht einverstanden? Halten Sie dagegen! Wir lernen gern dazu. Auch informell!

P.S.: Ein kleines Dankeschön an das KadeWe in Berlin, das sich extra für unseren Besuch ganz in Pink gewandet hatte  🙂

OEB15 pinkes KaDeWe

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